Der öffentliche und wissenschaftliche Diskurs überschlägt sich seit Jahren darin, Entwicklungen der
Technologie, insbesondere der Robotik, der Künstlichen Intelligenz und Automatisierung, mit
eschatologischen Zukunftsfantasien und apokalyptischen Endzeitszenarien zu verknüpfen. Ganz
unberechtigt ist dieser Eindruck nicht. Während der vom chinesischen Tech-Konzern Unitree Robotics
entwickelte, angeblich ‚schwule‘ KI-gesteuerte Roboter „Jake the Rizzbot“ mit Cowboyhut und
Regenbogenflagge durch die Straßen Westhollywoods zieht, entscheiden KI-gesteuerte
Zielerfassungssysteme in Gaza über Leben und Tod. Angesichts dieses zweifelhaften, aber rasanten
‚Fortschritts‘ und der medialen Berichterstattung über ihn, scheint sich das gesellschaftliche Wissen, das
in der Maschine vergegenständlicht und damit entfremdet ist, nun zu verselbständigen und gegen den
Menschen zu richten. Die technische Entwicklung erscheint in zwei Dimensionen höchst relevant:
erstens bei der Überwachung und flächendeckender Kontrolle der gesamten Bevölkerung sowie
zweitens im Kern der kapitalistischen Produktionsweise selbst, bei der Produktion des
gesellschaftlichen Gesamtmehrwerts. Da die Methoden der Produktion des Mehrwerts den Kern der
kapitalistischen Produktionsweise selbst betreffen, soll der Schwerpunkt der #5 den Zusammenhang
Klassenverhältnis – Mehrwertproduktion – technologische Entwicklung zum Inhalt haben. Die Art und
Weise, wie Mehrarbeit durch digitale Arbeit und digitalisierte Produktionsmittel ausgebeutet wird, wird
in der marxistischen Debatte kontrovers diskutiert. Für die einen bleibt die Abschöpfung des
Mehrwerts im Kapitalverhältnis dominant (Fuchs), andere sehen das Mehrprodukt durch eine Art
Informationsrente abwandern und sprechen von einer neuen Form des Feudalismus (Varoufakis;
Dean). Wieder andere sehen das Klassenverhältnis nicht mehr durch den Zugang zu den
Produktionsmitteln bestimmt, sondern durch den Zugang zur Information über die
Produktionsbedingungen (Wark). Jede Arbeit lässt sich nur verstehen als die kombinierte Verausgabung
sowohl körperlicher als auch geistiger Vermögen. Da aber „die Anwendung der Wissenschaften auf die
unmittelbare Produktion selbst ein für sie bestimmender und sie sollizitierender Gesichtspunkt“ (MEW
42, 600) geworden ist und geistige Arbeit ihren Stellenwert erhöhen konnte, wurde und wird nach wie
vor eine Zeit des Immaterialismus ausgerufen. Demgegenüber lässt sich eine zweifache Rückkehr des
Materiellen konstatieren: einerseits, weil die Informationstechnologie selbst auf einer äußerst
ressourcenintensiven stofflichen Basis und zudem immer stärker auf entgrenzten und neokolonialen
Ausbeutungsverhältnissen beruht; andererseits durch massive Investitionen in Kriegs-, Pharma- und
Schwerindustrie.
Ging mit der reellen Subsumtion der Arbeit unter das (fixe) Kapital die Mystifikation einher, der
gesellschaftliche Reichtum entspringe lediglich aus diesem, so sieht man sich heute mit einer
Mystifikation zweiter Ordnung konfrontiert: Das Kapital selbst scheint hinter einem technologischen
Organismus zu verschwinden, der seine eigenen Reproduktionsbedingungen vorgibt und an denen der
Mensch nur noch partizipieren kann. Doch die Maschine ist keine dem Menschen gegenüberstehende
und von ihm unabhängige Sache. Vielmehr ist sie Vergegenständlichung der sozialen Verhältnisse, ihrer
Widersprüche und ihres Klassencharakters. Eine entscheidende Leistung von Marx bestand darin,
erkannt zu haben, dass nicht die Maschine als solche die Produktivkräfte antreibt, sondern, dass sie der
adäquate Ausdruck einer auf Produktivitätssteigerung ausgerichteten Produktionsweise ist. Sie greift in
bestehende Prozesse der Arbeitsteilung ein, fixiert und koordiniert diese, macht sie messbar. Verkürzt
die Maschinerie an sich betrachtet die Arbeitszeit, so verlängert sie diese bei kapitalistischer
Anwendung. (vgl. MEW 23, 465) Daran hat sich nichts geändert. Während auf der einen Seite der
Ersatz der menschlichen Arbeit durch digitale Maschinerie und Künstliche Intelligenz propagiert wird,
wird das durchschnittliche Pensionsantrittsalter in Europa ständig erhöht. Der Widerspruch zwischen Arbeit als Quelle des Reichtums und die Überflüssigmachung von Arbeit durch die Maschine manifestiert sich zudem in einer Ungleichverteilung von Arbeit: Längere Arbeitszeiten bei manchen,
strukturelle Arbeitslosigkeit bei anderen. Und auch die Akkumulation des gesellschaftlichen Wissens,
die als Kernfunktion der elektronischen Datenverarbeitung propagiert wird, lässt sich bestenfalls
einseitig auf Seiten der Eigner der digitalen Produktionsmittel feststellen. Auch wenn das Internet in
seiner Gesamtheit den Zugang zum Wissen verbreitet hat, findet sich weit und breit keine Spur eines
bewussten und kollektiven general intellect, der die Fragmentierung des Wissens sowie den Sinn- und
Realitätsverlust unterbrechen könnte. Nicht zuletzt haben digitale Technologien neue Formen von
Beziehungen und Begehren hervorgebracht, doch gleichzeitig veräußern Menschen neben den
handgreiflichen Produkten der Arbeit zunehmend Emotionen, Affekte und Gedanken, die durch
immer feinere Methoden erfasst und kommodifiziert werden.
Das Jahrbuch unternimmt den Versuch einer marxistischen Aneignung dieses vielschichtigen
Themenkomplexes. Das führt uns zu folgenden konkreten Fragestellungen:
– Haben wir es gegenwärtig mit einer neuen Produktionsweise zu tun? Oder handelt es sich um
eine Veränderung oder Verschärfung der alten? Welche Rolle kann die Arbeitswerttheorie dabei
heute noch spielen?
– Inwiefern lässt sich das globale digitale Informations- und Kommunikationsnetz, das sich in
und außerhalb der Arbeitszeit in alle Lebensbereiche spinnt, mit dem Maschinenorganismus der
Fabrik vergleichen? Wie lässt sich angesichts dessen Entfremdung heute fassen?
– Wie lässt sich das Verhältnis wissenschaftlicher Produktivkräfte zu konventioneller
Warenproduktion verstehen? Welche Branchen tätigen die größten Investitionen in research and
development? Wie lässt sich der Ressourcenverbrauch der Digitalökonomie abschätzen? Wie sieht
die globale Arbeitsteilung von der Rohstoffgewinnung bis zum Verkauf des digitalen Endgeräts
aus?
– Das gewaltigste Mittel zur Vergrößerung des Wissensschatzes schlägt um in das unfehlbarste
Mittel, Wirklichkeit durch Simulation zu ersetzen. Wie kann eine materialistische Erklärung
dieses Widerspruchs aussehen? Lässt sich die Maschinerie durch sozialistische Anwendung
allein für die Gesellschaft nutzbar machen oder ist sie wesentlich zur kapitalistischen
Anwendung geformt?
– Welchen Veränderungen ist Arbeit heute ausgesetzt? Welche Rolle spielt die
Qualifikationsfrage? Welche Bedeutung kommt der Prosumption zu? Und wie verändert sich
emanzipatorische Wissensarbeit angesichts ihrer zunehmenden Automatisierung und
Implementierung von KI?
Wir laden dazu ein, Artikel, Debattenbeiträge und Buchbesprechungen, die sich mit diesen oder
ähnlichen Fragestellungen befassen, bis zum 31. März 2026 per E-Mail an die Redaktion
(redaktion@jahrbuch-marxistische-gesellschaftstheorie.net) zu schicken. Beiträge sollen die Obergrenze
von 50.000 Zeichen inkl. Leerzeichen (Artikel), 25.000 Zeichen inkl. Leerzeichen (Debatten-Beiträge)
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