Die DFG-Forschungsgruppe „Medizin und die Zeitstruktur guten Lebens“ widmet sich dem Themenfeld der Generativität und damit der Frage, inwiefern es für ein gutes Leben relevant ist, sich auch über die eigene Lebenszeit hinaus zu orientieren, etwa mit Hinblick auf die Sorge um das Gedeihen der eigenen Nachkommen oder Formen der Weitergabe an künftige Generationen im Allgemeinen.
Mit Infertilität, Schwangerschaftsverlust und Schwangerschaftsabbruch werden dabei Modi der Nicht-Reproduktion (auch im Sinne von Modi einer sich veränderten, verschiebenden oder verlagernden Reproduktivität) in den Blick genommen, um so zeitgenössische Debatten in der Ethik der Reproduktionsmedizin um einen wichtigen Aspekt zu ergänzen, zu vertiefen und von dieser Seite aus zu befragen. Wir gehen davon aus, dass solche Modi der Nicht-Reproduktion Normalvorstellungen davon, wie Lebensverläufe auszusehen, intergenerationelle Beziehungen zu gestalten und Zukunftsperspektiven wünschenswert zu sein haben, zum einen irritieren, zum anderen als normative Ideen allererst sichtbar machen (vgl. zu Teilen z.B. auch Wilkinson 2019). Die reproduktionsmedizinische Behandlung bei Infertilität kann etwa mit Disruptionen und Erfahrungen des Verlustes einhergehen, die filmisch und literarisch in vielfältiger Weise dargestellt und erzählt werden, in der ethischen Auseinandersetzung bisher aber noch nicht genügend in den Blick genommen werden (Wischmann/ Thorn 2022; de Boer et al. 2020). Dem Schwangerschaftsabbruch gehen dabei die Reflektion und Entscheidung über die Realisierung einer Zukunft mit diesem konkreten Kind voraus, auf die dann doch verzichtet wird; im Schwangerschaftsverlust wiederum wird die teleologische Zeit der Schwangerschaft, die üblicherweise erst mit der Geburt enden sollte, zum einen radikal, zum anderen insofern unversehens unterbrochen, als dieser Brucherfahrung keine eigene (freiwillige oder erzwungene) Entscheidung vorausgeht – der Verlust des Embryos bzw. Fötus bedeutet in beiden Fällen den Verlust der bereits antizipierten Zukunft als Eltern und der mit Elternschaft verbundenen Wünsche sowie Hoffnungen (Browne 2022; Mullin 2015). Ähnlich und doch etwas anders gelagert sieht es bei der Infertilität aus, bei der trotz Kinderwunsch keine Elternschaft bzw. Schwangerschaft eintritt. Dies kann biologische ((temporär) verminderte Fruchtbarkeit bis Sterilität) oder krankheitsbedingte Gründe haben, aber auch soziale, etwa bei Personen mit Kinderwunsch, die ohne Partner*in oder in einer nicht heteronormativen Beziehung leben (Lo/Campo-Engelstein 2018).
Die bisherige medizinethische und philosophische Forschung hat den engen Zusammenhang von Zeitlichkeit, gutem Leben und Generativität, der sich in Modi der Nicht-Reproduktion zeigt, erst ansatzweise im Blick. Der theoretische und methodische Rekurs auf die Narrative Bioethik eröffnet die Möglichkeit, die Vielfalt von Erfahrungen zu beschreiben, begrifflich zu fassen sowie für die ethische Debatte anschlussfähig zu machen (Marcinski-Michel 2026). Literatur, Film und Fernsehen lassen sich als fiktionale wie faktuale Experimentalanordnungen nutzen, zeitliche Verlaufsmodelle zu erproben und die Konsequenzen kontingenter oder/und nicht planmäßiger Abläufe durchzuspielen (vgl. u.a. Nussbaum 1990). Narratologische Ansätze stellen dafür ein angemessenes Analyseinstrumentarium bereit (Hißnauer/Stockinger 2024; Hißnauer/Stockinger 2026).
Mögliche Themen wären:
Infertilität, Schwangerschaftsverlust und Schwangerschaftsabbruch in Literatur, Film oder Fernsehen (Fallstudien), etwa mit Blick auf die normativen Vorstellungen von Elternschaft und eines damit verbundenen guten oder nicht guten Lebens in der Zeit.
Die Rückkopplung zwischen gesellschaftlichen oder/und medizinischen Narrative und individuellem Erleben bzw. Erzählen
Auf welche Weise prägen medizinische Praktiken und technologische Innovationen die Erzählungen?
Welche Rolle spielt Gender, Diversity, Race und/oder Class und damit verbundene normative Vorstellungen eines gelingenden Lebens mit Kindern?
Wie können narrative Perspektiven in ethischen Debatten zur Fortpflanzung produktiv gemacht werden?
Ethische Auseinandersetzungen mit Infertilität, Schwangerschaftsverlust und Schwangerschaftsabbruch in Film, Fernsehen und Literatur. Z.B. welche ethischen Fragen und Probleme werden hier aufgeworfen, die eventuell in bisherigen ethischen Debatten fehlen oder nur randständig sind?
Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede lassen sich in den Narrativen zu Infertilität, Schwangerschaftsverlust und Schwangerschaftsabbruch feststellen?
Welchen Einfluss hat das Genre auf die Erzählung und ihre ethische Perspektivierung?
Welche Tabus und Leerstellen lassen sich in literarischen und filmischen Darstellungen feststellen?
Welche medienspezifischen Unterschiede zeigen sich zwischen Literatur und Film/Fernsehen bezüglich der Darstell- und Erzählbarkeit von Infertilität, Schwangerschaftsverlust und Schwangerschaftsabbruch?
Gesucht werden Beiträge aus der Bio- und Medizinethik, Philosophie, Literatur-, Medien- und Kulturwissenschaft, Soziologie und angrenzender Disziplinen. Bitte schicken Sie Ihren Vorschlag für einen 20-minütigen Vortrag (Abstract max. 350 Wörter) und einen kurzen akademischen Lebenslauf bis zum 15. Januar an isabella.marcinski-michel@charite.de„>isabella.marcinski-michel@charite.de. Bei Nachfragen stehen wir Ihnen selbstverständlich zur Verfügung.