Call for Papers: Mutterschaft
Tierstudien, Ausgabe 32/2027
Herausgegeben von Jessica Ullrich / Florian Auerochs
Mutterschaft ist eine wirkmächtige kulturelle und politische Kategorie. Vorstellungen von Fürsorge, Bindung, Aufopferung und bedingungsloser Liebe prägen ebenso das traditionelle Verständnis von Mutterschaft wie gesellschaftliche Erwartungen an reproduktive Arbeit und soziale Verantwortung. An der Schnittstelle von ‚Natur‘ und ‚Kultur‘ ist Mutterschaft seit jeher eine mehr-als-menschliche Erfahrung: Tiere gebären, säugen, trauern, beschützen ihre Nachkommen, ziehen sie auf und bilden komplexe Formen sozialer Fürsorge aus, adoptieren fremde Jungtiere oder teilen die Sorgearbeit mit anderen Mitgliedern ihrer Gemeinschaft. In der kommenden Ausgabe von Tierstudien soll Mutterschaft jenseits anthropozentrischer Vorstellungen neu gedacht werden.
Aus u.a. ökofeministischen und queerfeministischen Perspektiven widmet sich das Themenheft den vielfältigen Formen tierlicher Mutterschaft und den Beziehungen zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Mutterschaften. Es fragt nach biologischen, kulturellen, politischen und ästhetischen Dimensionen von Mutterschaft sowie nach den Bedingungen, unter denen sie ermöglicht, verhindert oder instrumentalisiert wird. Wie lernen junge Tiere von ihren Müttern? Welche Formen von Bindung, Fürsorge, Spiel und Trauer lassen sich beobachten – auch im Spannungsfeld zwischen intensiver Pflege, Brutparasitismus und Infantizid, die dieromantisierte Vorstellung einer mütterlichen ‚Wildnatur‘ erschüttern? Welche alternativen Modelle von Verwandtschaft und Elternschaft finden sich in der mehr-als-menschlichen Welt? Welche Rolle spielen Adoption, Allomütter und kooperative Sorgegemeinschaften bei Tieren? Und wie verändern Interspezies- Beziehungen das Verständnis von Familie, Care und Zugehörigkeit?
Mutterschaft ist dabei immer auch eine Frage von Macht und Kontrolle. Kaum ein Bereich der Mensch-Tier- Beziehungen ist so grundlegend von der Aneignung reproduktiver Fähigkeiten geprägt wie die sogenannte Nutztierhaltung. Die Körper weiblicher Tiere werden kontrolliert, ökonomisiert und auf ihre Reproduktions- und Laktationsleistung reduziert: Sie werden künstlich besamt, ihre Nachkommen häufig unmittelbar nach der Geburt von ihnen getrennt und ihre reproduktiven Fähigkeiten für die Produktion von Milch, Eiern oder weiterem Nachwuchs nutzbar gemacht. Millionen Tiere erfahren Mutterschaft nur als einen kurzen und gewaltsam unterbrochenen Moment. Es soll daher auch nach den biopolitischen Dimensionen tierlicher Mutterschaft gefragt werden: Wer darf und wer muss Mutter werden? Unter welchen Bedingungen wird Mutterschaft ermöglicht oder verhindert? Welche ethischen und rechtlichen Fragen stellen sich für trächtige Tiere und Muttertiere, z.B. in der industriellen Tierhaltung, aber auch im ‚Jagdethos‘? Und wie verändern aktuelle Debatten um Tierethik und Tierrechte den Blick auf reproduktive Gerechtigkeit jenseits der menschlichen Spezies?
Zugleich sollen normative Vorstellungen von Mutterschaft hinterfragt werden. Ist Mutterschaft ausschließlich biologisch zu verstehen? Donna Haraways Forderung „Make Kin, Not Babies!“ eröffnet die Perspektive auf Verwandtschaft als eine mehr-als-menschliche Praxis des Sorge-Tragens und der Beziehungsgestaltung. Mutterschaft erscheint dann weniger als natürliche Eigenschaft denn als soziale, kulturelle und politische Praxis des mothering. In diesem Sinne interessieren uns auch queere und alternative Formen von Verwandtschaft, Wahlfamilien und Interspezies-Sorgegemeinschaften.
Die Beziehungen zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Mutterschaften sind dabei ebenso vielfältig wie ambivalent. Tiere werden von Menschen nicht selten als Kinderersatz betrachtet und als Familienmitglieder in Eltern-Kind-Beziehungen eingebunden. Das sogenannte pet parenting wird einerseits als Ausdruck multispeziesischer Verbundenheit verstanden, andererseits aber auch kritisch als Anthropomorphisierung tierlicher Bedürfnisse diskutiert. Auch dokumentiert das life writing schwangerer Menschen, wie das Mutterwerden als Begegnung mit dem eigenen ‚Säugetierkörper‘ erfahren und dieses ‚Epiphanie‘-Moment politisch nutzbar gemacht werden kann – etwa im solidarischen Eintreten für die Rechte mehr-als-menschlicher Mütter. Welche Vorstellungen von Mutterschaft und Familie liegen solchen Beziehungen zugrunde? Inwiefern reproduzieren sie traditionelle Familienbilder, und welche neuen Formen von Verwandtschaft machen sie sichtbar? Aufmerksamkeit kann auch Formen der Interspezies-Mutterschaft gelten. Historische und gegenwärtige Berichte erzählen von Frauen, die Tierkinder säugen, ebenso wie von Tieren, die menschliche Kinder ernähren und großziehen. Cross-Fostering-Experimente in der Ethologie, Adoptionen zwischen verschiedenen Tierarten sowie Erzählungen von sogenannten feral children werfen grundlegende Fragen nach Sozialisation, Zugehörigkeit und Spezies-Grenzen auf. Welche Rolle spielen geteilte Praktiken der Fürsorge für die Konstitution von Verwandtschaft? Kann Mutterschaft speziesübergreifend gedacht werden? Und welche politischen und ethischen Implikationen ergeben sich daraus?
Nicht zuletzt sollen kulturelle Imaginationen tierlicher Mutterschaft betrachtet werden. Wie werden Muttertiere in Kunst, Literatur, Film und visueller Kultur dargestellt? Welche Rolle spielen Bilder der aufopferungsvollen Mutter, der trauernden Mutter oder der wilden und beschützenden Tiermutter? Wie prägen Mutterfiguren unser Verständnis von Weiblichkeit, Natur und Fürsorge? Und wie verändern tierliche Perspektiven auf Schwangerschaft, Geburt, Verlust und Sorge unser Nachdenken über Mutterschaft insgesamt?
Tiersensible, von den Animal Studies informierte Beiträge aus den Kultur-, Sozial-, Kunst- und Naturwissenschaften zu allen Formen von Mutterschaft sind willkommen.
Abstracts von nicht mehr als 2.000 Zeichen senden Sie bitte bis zum 1. Februar 2027 an jessica.ullrich@neofelis-verlag.de„>jessica.ullrich@neofelis-verlag.de und florian.auerochs@klassik-stiftung.de„>florian.auerochs@klassik-stiftung.de. Die fertigen Texte dürfen eine Länge von bis zu 25.000 Zeichen haben (inkl. Leerzeichen und Fußnoten) und müssen bis zum 1. Juni 2027 vorliegen. Danach gehen sie in die Peer Review an den wissenschaftlichen Beirat von Tierstudien. Auf Grundlage der Gutachten wird über die Annahme der Texte zur Veröffentlichung entschieden. Erscheinungsdatum der Ausgabe ist Oktober 2027.