Call for Abstracts: Selbsterzählungen und Praktische Philosophie

Deadline: 05.04.2026

Call for Abstracts für Panel „Selbsterzählungen und Praktische Philosophie“ auf der XIII. Tagung für Praktische Philosophie in Passau

Organisatorinnen: Johanna Sinn (Passau) & Katharina Zöpfl (Eichstätt)

Selbsterzählungen – verstanden als narrative Formen der Selbstrepräsentation, in denen Individuen ihre Erfahrungen, Handlungen oder Identitäten in eine erzählbare Gestalt bringen – spielen in ethischen, politischen und gesellschaftlichen Kontexten eine zentrale Rolle. Als solche strukturieren sie Selbstverhältnisse, machen Erfahrungen sichtbar und stiften Sinn, können aber zugleich normierend, einengend oder verstellend wirken. Gerade diese ambivalente Wirksamkeit macht Selbsterzählungen zu einem Gegenstand ethisch-philosophischer Reflexion. Ob in autobiografischen Texten, theoretischen Selbstverortungen, politischen Narrativen oder alltäglichen Selbstpräsentationen: Sich selbst zu erzählen bedeutet, sich in bestimmte Formen zu bringen, sich adressierbar zu machen und sich einem Blick auszusetzen – wie in Arbeiten zu narrativer Identität und ihrer Kritik sowie zu Erscheinung und Sichtbarkeit in unterschiedlichen theoretischen Zusammenhängen diskutiert wird (u. a. Ricœur 1996, Strawson 2004, Arendt 2020, Lorde 1984, Ahmed 2004).

Auch in der Praktischen Philosophie sind Selbstmitteilungen und autobiografische Erzählungen schon in historischen Positionen anzutreffen. Gleichzeitig sind sie systematisch umstritten, da sie als subjektive Anteile dem Anliegen der Argumentation zuwiderzulaufen scheinen. Feministische Positionen (wie Brison 2001, Kittay 2019, McCallion 2025) heben dagegen hervor, dass die Arbeit mit autobiografischen Formen in der Philosophie sowohl legitim als auch methodisch sinnvoll ist. Sie machen diverse Erfahrungswelten sichtbar, vergrößern so die thematische Bandbreite und schaffen Transparenz hinsichtlich sozialer Perspektiven im Hintergrund einer Argumentation. Auch autoethnografische und autotheoretische Formen anstelle klassischer philosophischer Argumentation werden zunehmend erprobt (Etorre 2017, Swafford 2020, Grant 2024; Fournier 2022, Clare 2023).
Gemeinsam ist diesen Formen, dass die eigenen Erfahrungen exemplarisch zur Erschließung und Diskussion eines größeren Zusammenhangs herangezogen werden. Diese exemplarische Struktur rückt neben methodischen auch ethische und politische Fragen in den Blick, die das Panel diskutieren möchte. Denn von eigenen Erfahrungen zu berichten, bedeutet zwar, sich selbst eine narrative Form zu geben. Selbsterzählungen sind damit aber nicht nur Ausdruck individueller Freiheit, sondern bewegen sich innerhalb vorgeprägter Erzählmuster, die Selbstverhältnisse strukturieren und begrenzen können. Zum anderen bedeutet es, die eigenen Erfahrungen dem rationalen Zugriff anderer auszusetzen und sich sowohl als Privatperson als auch in akademischer Rolle verletzbar zu machen (vgl. Brison 2017). Das hat wiederum zur Folge, dass nicht alle gleichermaßen von diesen Formen Gebrauch machen können und wollen; soziale Bedingungen beeinflussen wesentlich, wer sich wie selbst erzählen und die eigenen Erfahrungen exemplarisch einsetzen kann. Nicht zuletzt können von diesen Formen auch die Ansprüche Dritter hinsichtlich privater Informationen oder ihrer Mitsprache bei der Darstellung betroffen sein.

Das Panel diskutiert narrative Selbstpräsentationen und stellt dabei deren ethische und politische Dimensionen in den Vordergrund. Wir laden daher zur Einreichung von Beiträgen ein, die sich an folgenden Fragen orientieren können:

  • Welche Formen der Selbstpräsentation lassen sich in ethischen, politischen oder philosophischen Kontexten beobachten?
  • Welche ethischen oder politischen Dimensionen umfassen Selbstpräsentationen innerhalb und außerhalb der Praktischen Philosophie?
  • Welche Selbsterzählungen finden Eingang in die akademische Philosophie, welche nicht? Welche narrativen Muster setzen sich fort, welche entstehen neu?
  • Wann eröffnen Selbsterzählungen ethischen oder politischen Handlungsspielraum, und wann führen sie zur Verstellung oder Vergegenständlichung des Selbst?
  • Welche Rolle spielen Selbstpräsentationen für ethische Bildungsprozesse?

Wir freuen uns über Abstracts von max. 500 Wörtern, die bis zum 5.4.2026 an Katharina Zöpfl und Johanna Sinn unter katharina.zoepfl@ku.de„>katharina.zoepfl@ku.de geschickt werden können.

Literatur:
Arendt, Hannah: Vita activa oder Vom tätigen Leben. München: Piper, 2020.
Ahmed, Sara: The Cultural Politics of Emotion. Edinburgh: Edinburgh University Press, 2004.
Brison, Susan J. Aftermath: Violence and the Remaking of a Self. Princeton: Princeton University Press, 2001.
Brison, Susan J. „‚We Must Find Words or Burn‘: Speaking Out against Disciplinary Silencing“. Feminist Philosophy Quarterly 3, Nr. 2 (2017), Art. 3.
Clare, Stephanie D. Nonbinary: A Feminist Autotheory. Cambridge Elements. Elements in Feminism and Contemporary Critical Theory. Cambridge University Press, 2023.
Ettorre, Elizabeth. Autoethnography as feminist method: sensitising the feminist „I“. London/New York: Routledge, 2017.
Fournier, Lauren. Autotheory as Feminist Practice in Art, Writing, and Criticism. Cambridg, Mass./London: MIT Press, 2022.
Grant, Alec. „The Philosophical Autoethnographer“. In Writing Philosophical Autoethnography, hrsg. v. Alec Grant. London/New York: Routledge, 2024.
Lorde, Audre (1984): Sister Outsider: Essays and Speeches. Trumansburg, NY: Crossing Press.
Kittay, Eva Feder. Learning from my daughter: valuing disabled minds and caring that matters. Oxford: Oxford University Press, 2019.
McCallion, Anne‐Marie. „How Can We Build a “Women’s” Philosophy?“ Metaphilosophy 56, Nr. 2 (2025): 249–263.
Ricœur, Paul: Das Selbst als ein Anderer. München: Wilhelm Fink, 1996.
Strawson, Galen: „Gegen die Narrativität“, in Deutsche Zeitschrift für Philosophie 53 (2005), S. 3-22.
Swafford, Shelby. „To Be a (M)Other: A Feminist Performative Autoethnography of Abortion“. Cultural Studies ↔ Critical Methodologies 20, Nr. 2 (2020): 95–103.

Informationen

Beginn

24.09.2026

Ende

25.09.2026

Ort

Passau

Veranstalter

Universität Passau

E-Mail Veranstalter

katharina.zoepfl@ku.de

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