Zeigen, rhythmische Gebärden der Hände, verschränkte Arme: Gesten, ob nun im engeren Sinne als Hand- oder im weiteren Sinne als Körperbewegungen, konstituieren eine irreduzible Dimension menschlicher und nichtmenschlicher Kommunikation. Auch wenn das Gestikulieren an sich als eine anthropologische Konstante aufgefasst werden kann, sind spezifische Gesten in soziale Beziehungen und historische Kontexte eingebettet. Menschen integrieren sich in soziale Räume wie die Familie, peer groups, politische Bewegungen, Subkulturen oder in Klassenpositionen auch in und durch Gesten. Gesten markieren also Zugehörigkeiten, können jedoch auch normalisierende Wirkungen entfalten und dienen gar als Instrumente von Macht und Herrschaft.
Technologien beeinflussen und verändern unsere leiblichen Bewegungen wie auch unsere Wahrnehmungsweisen, was sich an den haptischen Veränderungen vom Umgang mit Werkzeugen und Haushaltsgegenständen bis hin zu digitalen Interfaces verdeutlicht. So formt etwa die Nutzung von Smartphones die Bewegung der Finger als auch die Wahrnehmung von Bildern um. Diese Transformationen legen nahe, dass Gesten einen zentralen Schauplatz bilden, an dem sich technologischer Wandel in die leibliche Erfahrung einschreibt. Die Entwicklung einer taktilen Wahrnehmung, die schon Walter Benjamin in Rezeption von Alois Riegl diskutiert, lässt sich demzufolge als eine historisch spezifische Form der Wahrnehmung verstehen, die gestisch vollzogen wird. In diesem Sinne können Gesten als das Objekt einer materialistischen Phänomenologie von Vergangenheit und Gegenwart dienen. Die frühe Kritische Theorie hat bereits über solche Transformationsprozesse nachgedacht. So beschreibt Theodor W. Adorno in der Minima Moralia, wie der Übergang vom bürgerlichen Interieur zum funktionalistischen Design die alltäglichen Gesten verändert. Er weist darauf hin, dass die Technifizierung Gesten zugleich präziser und abrupter macht und so menschliche Erfahrung umgestaltet.
Dieser Call for Papers versteht den historischen Gehalt der Gesten weniger als Hypothese denn als einen Ausgangspunkt. Gesten können als historische Indizes aufgefasst werden, anhand derer die sozialen und technologischen Veränderungen einer bestimmten Epoche sichtbar werden. Zugleich können sie in die Ideologie eines historischen Moments intervenieren und sie vielleicht sogar destabilisieren. Anknüpfend an Marcel Mauss‘ Überlegungen zu den Techniken des Körpers („Les techniques du corps“), verstehen wir Gesten als sozial verkörperte und historisch situierte Praktiken. Unser Ziel ist es, Gesten aus der Perspektive einer materialistischen Anthropologie zu untersuchen.
Eine kritische Analyse von Gesten muss sowohl ihre ästhetische als auch ihre politische Dimension berücksichtigen. Gesten werden leiblich ausgeführt. Sie sind untrennbar an konkrete Körper gebunden, die ihrerseits nicht jenseits von intersektional verknüpften Herrschaftsdimensionen wie Gender, Race und Class gedeutet werden. Damit ist die Geste nie neutral, sondern wird immer im Kontext von Herrschaft sichtbar. Demzufolge können Gesten auch Formen von Herrschaft und Unterdrückung offenlegen, zugleich aber auch als Modi des Widerstands oder kollektiven Ausdrucks fungieren. Gerade weil sie soziale Codes inkorporieren und internalisieren und dabei symbolisch lesbar bleiben, sind Gesten nicht nur Effekte sozialer Transformation, sondern können auch zu politischen Werkzeugen werden.
Gesten bergen eine ästhetische Erkenntniskraft. Dies erinnert an eine Vorstellung, die häufig mit asiatischen Traditionen assoziiert wird, der zufolge die technische Ausformung einer Geste — von der Schwertkampfkunst bis zur Kalligrafie — Wissen über die Geste selbst hervorzubringen vermag. Aus dieser Perspektive könnte jede Geste ein emanzipatorisches Potenzial enthalten, das fähig ist, Aufmerksamkeitsweisen und Aktivität über heterogene Praktiken verkörperten Wissens hinweg zu übertragen. Walter Benjamin weist in eine solche Richtung, wenn er schreibt:
„Die Erkenntnis, daß die erste Materie, an der sich das mimetische Vermögen versucht, der menschliche Körper ist, wäre mit größerem Nachdruck, als es bisher geschehen ist, für die Urgeschichte der Künste fruchtbar zu machen. So sollte man sich fragen, ob die früheste Mimesis der Objekte in der tänzerischen und bildnerischen Darstellung nicht weitgehend auf der Mimesis der Verrichtungen beruht, in denen der primitive Mensch zu diesen Objekten in Beziehung trat. Vielleicht zeichnet der Mensch der Steinzeit das Elentier nur darum so unvergleichlich, weil die Hand, die den Stift führte, sich noch des Bogens erinnerte, mit dem sie das Tier erlegt hat.“ (BGS VI, S. 127)
Kann man sich der Geste nähern als einem Schauplatz von Erinnerungen und Wiederholungen, die zugleich die Eigenschaft aufweisen, über mannigfaltige Praktiken weitergegeben zu werden und so eine transformative Kraft zu entfalten? Können Gesten somit auch zu einer emanzipatorischen Praxis beitragen?
Beiträge können beispielsweise folgende Fragen adressieren:
- Welche Rolle spielen Gesten in der künstlerischen Praxis und der ästhetischen Theorie?
- Wie kann das Konzept einer Phänomenologie der Geste theoretisch entwickelt werden, und wie lässt es sich auf konkrete historische oder künstlerische Fälle anwenden? Wie formen technologische Medien Gesten und leibliche Wahrnehmung um?
- Wie können Gesten als Formen des Widerstands oder der politischen Intervention wirken?
- Welche Rolle spielen nichtmenschliche Gesten in Kommunikation und Interaktion?
- Inwieweit dienen menschliche Gesten als Modelle für das Nachdenken über Tätigkeit, Kommunikation und Ausdruck, auch in posthumanen oder technologischen Kontexten?
- Wie haben moderne und zeitgenössische Medien (von der Fotografie und dem Stummfilm bis zu digitalen Medien) den Status der Geste verändert?