Ist heute von Sympathie die Rede, dann ist sowohl im umgangssprachlichen als auch im wissenschaftlichen Gespräch in der Regel eine emotionale Verbindung von Menschen und anderen Lebewesen gemeint. Sympathie ist dann mal Oberbegriff, mal Synonym für gemeinsames Fühlen oder Anteilnahme an Gefühlen Anderer in Mitleid oder Mitfreude. Nur selten findet sich heute eine ältere Verwendung des Begriffs: Sympathie als Name für einen affektiven Zusammenhang aller mit allem, als Name einer Wechselwirkung, die in einer kosmologischen Perspektive, alles mit allem in Verbindung hält.
Zu den ganz seltenen Versuchen, eine Verbindung dieser beiden Sympathiebegriffe zu denken, gehört die Phänomenologie Max Schelers. Max Scheler — von dem ausgehend wir in unserem DFG-ANR geförderten Projekt nach dem normativen Potenzial einer umfassenden Idee von Sympathie fragen — hat mindestens zwei Begriffe von Sympathie. Zum einen ist Sympathie der Name für das metaphysische Band, das alle menschlichen Verbindungen stiftet, zum anderen ist Sympathie der Oberbegriff für die verschiedenen Formen des Miteinanders. In diesem Sinn spricht Scheler vom „Wesen“ und den „Formen“ der Sympathie und unterscheidet das Einsfühlen (eine Form des gemeinsamen Fühlens ohne erlebte Ich-Du Unterscheidung), Nachfühlen, Mitfühlen und allgemeine Menschenliebe. Von diesen verschiedenen Formen der Sympathie behauptet er aber nicht nur, dass sie in einem Abhängigkeitsverhältnis stehen, sondern auch, dass sie nur möglich sind, weil wir gemeinsam vom Weltgrund abhängig sind. Im Rahmen des Workshops wollen wir uns gemeinsam mit Expert*innen der Frage widmen, ob und wie Schelers metaphysische These einer umfassenden Sympathie ins Gespräch mit historischen und gegenwärtigen Positionen gebracht werden kann und wo ihre philosophischen Potentiale liegen.