Der fingierte Mensch.
Die politische Form des Menschlichen im Zeitalter völliger Gestaltbarkeit.
Jahrestagung 2027 der Deutschen Gesellschaft zur Erforschung des politischen
Denkens (DGEPD)
Die Welt im Jahre 2072. Ein Szenario.
Die Trennung von Leben und Körper war kein Bruch, sondern eine schleichende Opti
mierung. Zuerst kamen die Korrekturen: Gene wurden bereinigt, Alter verlangsamt, Ma
kel entfernt. Krankheiten verschwanden, Körper wurden zu Oberflächen. Parallel dazu
verlagerte sich das Bewusstsein ins Digitale. Was als Sicherung gegen den Tod begann,
wurde zur bevorzugten Existenzform. Körper existieren weiter, aber als Orte, die man
aufsucht, wenn man Schwerkraft spüren, Geschmack erleben oder Nähe erfahren will.
Sie werden genormt, geliehen, gewechselt. Mit der Perfektion kam aber auch Erosion.
Bindungen lösten sich, private Betreiber digitaler Lebensplattformen kontrollieren nicht
mehr nur Informationen, sondern Erfahrungsräume.
Hält man dieses Szenario für denkbar, dann geraten die Grundbegriffe der politischen
Theorie in Bewegung. Freiheit erweitert sich zur Wahl von Körpern, Zuständen und Iden
titäten, wird aber zugleich abhängig von technischen Architekturen. Gleichheit verliert
ihren Bezug auf gemeinsame Verletzlichkeit und Endlichkeit; neue Hierarchien entste
hen durch Zugänge, Rechenkapazitäten und Qualitätsstufen. Gerechtigkeit betrifft
nicht mehr nur die Verteilung von Gütern, sondern von Existenzbedingungen. Würde
wird fraglich, wenn der Mensch technisch verfügbar, kopierbar und modifizierbar wird.
Macht schließlich wirkt weniger durch Zwang als durch die Gestaltung von Möglichkeits
räumen, Wahrnehmung und Identität.
Noch ist 2072 nur die Umkehrung von 2027. Doch die Voraussetzungen entstehen be
reits. Vermutlich erwarten uns 2072 weder die vollständige Dystopie noch die technolo
gische Erlösung. Wahrscheinlicher sind hybride Entwicklungen: medizinischer Fort
schritt und neue Selbstbestimmung, zugleich aber neue Abhängigkeiten