„… dass jede menschliche Behauptung über das Wahre, die positiv ist, eine Mutmaßung darstellt (omnem humanam veri positivam assertionem esse coniecturam)“. Mit diesem Ergebnis einer verstehenden Lektüre seiner ersten philosophischen Schrift De docta ignorantia, eröffnet der Autor Nikolaus von Kues sein zweites philosophisches Hauptwerk, das er daher De coniecturis nennt. Thema der Schrift ist das menschliche Erkennen, wie wir es unter den Bedingungen der Endlichkeit unseres Sprechens und Denkens verstehen, darstellen und mitteilen können. Das Wachstum des Erkennens, wörtlich: des Wahr-Nehmens (adauctio apprehensionis veri) ist unerschöpflich, die unendliche Wahrheit selbst bleibt dabei unerreichbar. Denn Wahrheit ist nicht das Ziel, sondern das Prinzip und das Maß des menschlichen Erkennens, das sich für uns in der Suche nach ihr, nicht in ihrem Besitz, erfüllt.
Der Lektüre- und Forschungsworkshop richtet sich an fortgeschrittene Studierende der Philosophie, Theologie sowie anderer historisch orientierter Disziplinen. Auch DoktorandInnen, Post-docs und andere erfahrene Cusanus-LeserInnen sind willkommen. Erwartet wird über die notwendige Lektürevorbereitung hinaus Vertrautheit mit der lateinischen Sprache und die Bereitschaft, sich auf fremdes Denken einzulassen. Die Sprache der Zeit, in der der Autor schreibt, ist lateinisch und theologisch, sein Denken überraschend modern und aktuell.