Ob er nicht die Festrede zur 75 Jahrfeier der Deutschen Gesellschaft für Philosophie Europa neu denken halten würde. Meine erste Amtshandlung als Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Philosophie war es, Jürgen Habermas zum Geburtstag zu gratulieren und anzufragen, ob er für diesen Festakt zur Verfügung stünde. Die Frage nach der Zukunft Europas, mit der sich Habermas so oft auseinandergesetzt hatte, war am Ende seines Lebens auf neue Weise akut geworden.
Habermas kam nicht mehr. Mein Geburtstagsbrief war mir geradezu unangenehm, denn er musste Habermas in jenen Tagen erreicht haben, als seine Frau verstorben war. Abwesend anwesend, konnte die Geschichte der deutschen und der deutschen in Verbindung mit der europäischen Philosophie nicht ohne Habermas erzählt werden. Michele Nicoletti, Festredner der Veranstaltung, bezieht sich auf Habermas, wenn er eine europäische Öffentlichkeit einfordert, die sich aus einer integrierten europäischen Zivilgesellschaft, aus supranationalen Bewegungen und Vereinigungen zusammensetzt. Habermas beschimpfte die französische Linke, weil sie die europäische Verfassung ablehnt. Habermas fordert die Bildung des europäischen politischen Bewusstseins, wo andere die gemeinsame Wirtschaft, Technologie und das gemeinsame Militär als Zeuge europäischer Einheit beschwören. Nicolettis Frage, worin sich die europäische Bürgerschaft als solche (wieder) erkenne, führt ihn zu den Merkmalen, die er immer noch aus dem Fundus der europäischen Aufklärung hervorgräbt, obwohl sie dort so gar nicht zu finden waren: Pluralität, Freiheit und Gerechtigkeit.
Diese wohlgemeinten Narrative und ihre Brüche hatten die amerikanischen Philosophen bereits 1947 auf dem denkwürdigen Kongress fragen lassen, was nun aus Europa würde, da es in Schutt und Asche läge. Anders als prognostiziert, war die deutsche Philosophie nicht völlig am Ende. Das Dreigestirn Arendt, Adorno und Habermas ließ die Aufklärung weiterleben, wenn auch in recht unterschiedlichem Verständnis davon. Der jüngste der drei, der selbst von sich sagte, er habe von Arendt viel gelernt, übertrumpfte diese in seiner emphatischen Einschätzung, die französische Aufklärung sei die Epoche der Cafés und Salons und die der Entstehung der bürgerlichen Öffentlichkeit. Seine historischen Zugriffe, schon in seinem Philosophischen Diskurs der Moderne Illusion, wurden in seinem letzten historischen Werk noch einmal heroisiert.
Doch die Aufklärung ist vorbei. Freiheit und Gleichheit haben ihre Heimat in Europa verloren. Kolonialismus und Holocaust zeigten, Europa sei an seinen eigenen Ansprüchen gescheitert. Dieser Vorwurf bestimmt heute die Debatte gegen Europa. Europas Scheitern wurde zum Wendepunkt der neuen globalen Ansprüche, von Russland bis China und Afrika. Noch 2013 wollte die arabische Elite die Aufklärung leuchten lassen, nun scheint auch sie ihren Hohn auf Europas Schwäche zu ergießen.
Habermas blieb seinem Programm treu. Erklärte Amerikas Philosophie 1947 das Ende der europäischen Werte, so konterte Habermas 2003, der amerikanische Anspruch normativer Autorität sei gescheitert und forderte “Die Wiedergeburt Europas”. Dafür wurde er nicht wenig geschmäht (FAZ 31.5.03). Wie aus der Zeit gefallen war seine Rede 2013 im Rahmen des Welt-Philosophie-Kongresses in Athen, als er diese Geschichte noch einmal beschwor, während die chinesische Delegation längst den Konfuzianismus als die neue normative Kraft der Zukunft feierte und damit die Einordnung eines jeden an seinem ihm zugewiesenen Ort verteidigte.
Auf die Euphorie folgte dann auch bei Habermas die Idee der „Nötigung“ zur europäischen Einheit. Auch der Nationalstaat sei den Europäern einst aufgenötigt worden. Auch damals war der Deutsche dem Deutschen nicht Freund, der Pole nicht dem Polen und nicht der Franzose Freund aller Franzosen. Deshalb müsse und könne auch heute gelingen, was mit dem Narrativ des 19. Jahrhunderts des Nationalstaats möglich wurde und uns heute, hindere, „unsere nationalen Bornierungen zu überwinden.“ (Der gespaltene Westen 2004, 64 stw)
Arendt hatte stets die Vielfalt der Stimmen eingefordert, Habermas hielt daran fest, Einheit durch Konsens zu erreichen, eine Vision, die Europa heute noch lähmt. Schellings Sehnsucht zur Einheit war möglicherweise präsenter in Habermas‘ Denken, als viele wussten. Ein Zug von Romantik durchzieht daher die Theorie des kommunikativen Handelns. Seine Diskursethik ignorierte die Tatsache, dass rationale Übereinstimmung angesichts des Willens zur Macht zerbröckelt. Er träumte vom „zwanglosen Zwang“ und proklamierte die zwingende Kraft der Vernunft. Doch dieser Traum scheiterte spätestens dort, wo er dem Aggressor nichts weiter als einen „gesichtswahrenden Kompromiss“ (SZ 15.2.23) anbieten konnte. Habermas konnte und wollte nicht erkennen, dass seine Theorie ungeeignet war, Herrschaftsverhältnisse zu wenden. So blieb er auch gegenüber dem Feminismus blind. Die Umwandlung der Vorrangstellung der männlich dominierten Lebenswelt in eine Gemeinschaft von Gleichberechtigten durch rationale Kommunikation war in keiner Weise sein Anliegen.
Der letzte der Aufklärer ist nun gegangen. Er hinterlässt einen leeren Raum, den es in einer neuen Welt zu füllen gilt.
Ruth Edith Hagengruber, 15.03.2026
